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Beimpfter (lebendiger) Bodengrund

Praxisbericht zum Thema beimpfter (lebendiger) Bodengrund


„Mein Tier geht sowieso nie auf den Boden.“ - So oder so ähnlich lauten die Argumente von Chamäleonpflegern, die sich eine aufwändige Bodenbepflanzung und entsprechenden Bodengrund „sparen“ wollen. Doch kann dies auch zu Schwierigkeiten führen. Viele von Euch kennen das Problem: Kaum vergeht ein Tag, an dem nicht abgestorbene Blätter, oder Futterreste am Boden des Terrariums liegen. Die Tiere lassen ihren Kot fallen und nicht gefundene Futtertiere versterben unbemerkt in irgendwelchen Ritzen und rotten vor sich hin. Schnell entsteht Schimmel und ein muffiger, schlechter Geruch. - Dazu kommt, daß wir mehrmals am Tag ins Terrarium sprühen. Am Boden entstehen Pfützen und Keimherde. Abgesehen davon, daß der Anblick und Geruch unangenehm ist, züchtet man sich hier ein breites Spektrum an gefährlichen Krankheitserregern heran.


Was also tun?
die kleine Schnecke bei der Arbeit

Inhaltsverzeichnis

Sterile Haltung:

Lösung a) Wir legen den Boden des Terrariums mit Küchenkrepp oder Zeitungspapier aus, welches die gröbste Feuchtigkeit aufsaugt. So entstehen weniger Pfützen und wenn man das Papier mindestens einmal am Tag tauscht, entstehen wenig keine Keime.

Diese Art der Haltung ist ideal für kleine Quarantäneterrarien oder der vorübergehenden Aufzucht von frisch geschlüpften Jungtieren. Denn der Kot erkrankter Tiere muss, um Reinfektionen zu vermeiden, tatsächlich sofort und gründlich abgeräumt werden. Während bei frisch geschlüpften Tieren die Übersichtlichkeit und Futtermenge in einem sterilen, kleinen Terrarium als Vorteile überwiegen.

Nachteil: Der tägliche Arbeitsaufwand pro Terrarium ist enorm. Täglich sollte der Bodengrund ausgeräumt und trockengewischt werden. Um die nötige Luftfeuchte in diesen „leeren“ Terrarien zu erhalten muss ständig gesprüht werden. Das wenige Küchekrepp kann die benötigte Wassermenge kaum aufsaugen und muss evtl. sogar mehrmals täglich entsorgt werden.

Da die „guten“ Keime keinen Nährboden finden, entsteht eine art „Monokultur“ an schädlichen Keimen auf den glatten Flächen im Terrarium. Gerade in Fugen und Kanten hinter den Pflanzen, die man nicht täglich reinigen kann, züchtet man sich so eine Heerschar an Schädlingen heran. Auch die Zwischenräume im Kunstrasen, welcher oft empfohlen wird, lassen sich äusserst schlecht reinigen, ohne die gesamte Matte aus dem Terrarium zu nehmen. Wer einmal versucht hat, eingetrockneten Kot zwischen den Plastikgrashalmen zu entfernen, weiß wovon ich spreche.

Nicht ausser Acht lassen darf man auch den Stress für das Chamäleon, den die täglichen intensiven Eingriffe in das Revier bedeuten, sowie die Auswirkung von ständig vorhandenen Resten der Desinfektionsmittel.


Erde als Bodengrund

Lösung user posted image

Haben wir aber Erde oder Sand im Terrarium, wird zwar das Wasser größtenteils aufgesaugt, immer noch liegen aber Kot, Blätter, tote Futtertiere mehr oder weniger versteckt im Bodengrund und fangen an zu schimmeln. Das Problem der Keime ist geringer, weil keine dauernassen Pfützen entstehen, dennoch wird man mehr oder weniger regelmäßig den Boden reinigen, wenn nicht sogar tauschen müssen.

Viele empfehlen, Erde aus dem Garten mittels „überbacken“ zu sterilisieren. Zwar effektiv, aber bei einer großen Menge an Bodensubstrat kaum mehr praktikabel.


Lebender („beimpfter“) Bodengrund

Lösung c)

Die Natur hat dafür eine praktische Lösung entwickelt: Gräbt man im Garten oder Wald in der Erde, wird man eine Menge verschiedener Kleinstlebewesen darin finden. Diese sorgen in der Natur dafür, daß abgestorbene Pflanzenteile oder Tiere schnell zersetzt werden.

ein paar Bodenbewohner vor verrottenden Blättern


Wir können uns diese Mikroorganismen zu nutze machen, indem wir eine handvoll (bei großen Terrarien entsprechend mehr) Walderde in das Terrarium geben (und eben NICHT überbacken oder abkochen, denn tot nützten uns diese Mikroorganismen nichts mehr). Auch Springschwänze und die nur 2-3 mm kleinen „weissen Asseln“, die man im Futtertierhandel bekommt erfüllen diesen Zweck. Sind aber recht teuer.


Die Bedenken, die manch einer von Euch hegt, sind möglicherweise folgende:

„entkommen diese vielen Tierchen denn nicht aus dem Terrarium“ oder „welche Krankheiten und Parasiten kann ich mir denn da einschleppen!“ - Beide Befürchtungen haben sich als unberechtigt erwiesen. Die einzelnen „Teilnehmer“ dieses kleinen Mikro-ökosystems sorgen dafür, daß sich Keime nicht in gefährlicher Zahl vermehren und in unserem Waldboden finden sich keine Parasiten, die den Chamäleons schaden könnten.

Das Einbringen des Bodengrundes:

Wir gingen folgendermaßen vor: Ganz unten sorgt eine schicht Blähton dafür, daß sich überschüssiges Wasser sammeln kann und die Erde nicht zu nass wird (über einen Ablauf kann es aus dem Terrarium in einen Auffangeimer laufen) - Torf oder Kokoshumus sorgen im Terrarium dafür, daß Sprühwasser aufgesaugt werden kann. Sand stabilisiert die Erde für die Gänge, die Weibchen bei vor Ablage gerne graben. Und die Walderde schließlich bringt die Mikroorganismen ins Terrarium.


Die Walderde selbst sieben wir und befreien sie von großen Schnecken, Würmern und dergleichen. (könnte man auch drin lassen, aber ich mag keine großen Regenwürmer... - Zwei kleine Schneckenarten wurde versehentlich mit eingeschleppt. Zunächst habe ich befürchtet, daß sie die Pflanzen im Terrarium anfressen. Aber bis jetzt, 3 Jahre später, fand die befürchtete „Schneckeninvasion“ noch nicht statt. Die Schnecken gehen lieber an totes Laub. Nur vereinzelt finden sich Fraßspuren. Manchmal sind mehr, manchmal weniger Schnecken zu sehen, aber nie so viele, daß es störend wirkte. Auch das Chamäleon sorgt gelegentlich dafür, daß sich die Schneckenpopulation nicht zu sehr vergrößert. Eine Willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan, zudem das Tier die Schnecken nicht aus dem Becher serviert bekommt, sondern aktiv „jagt“.

Des weiteren finden wir kleinste Tausendfüssler, Springschwänze (aus dem Wald) und andere winzige Käfer und Kerbtiere. Die meisten dieser Tiere sind so klein, daß man sie fast nur bei genauem Hinsehen bemerkt. Zudem leben sie „versteckt“ im Boden und nicht an dessen Oberfläche. Im Wohnzimmer selbst fanden wir weder Schnecken noch andere dieser kleinen „Helferlein“, obwohl unser Terrarium alles andere als dicht ist.


Der Reinigungseffekt

dieser Armada ist aber enorm: Herabgefallene, abgestorbene Blätter, selbst die von dickblättrigen Pflanzen werden binnen weniger Tage oder maximal 2 Wochen bis aufs Skelett zersetzt. Kotreste innerhalb kürzester Zeit zerlegt, in den Bodengrund eingebracht und umgewandelt. Schimmel entsteht trotz relativ häufigem Sprühen und sehr feuchtem Bodengrund nie: Unsere Armada ist schneller.

Während unsere mit „totem“ Kokoshumus/Sandgemisch befüllten Terrarien gerne mal muffig riechen, duften die anderen Terrarien stets nach frischer Walderde.


Selbstverständlich muss der Bodengrund entsprechend hoch sein, um das Wasser aufnehmen zu können. Auch kann es eine Weile dauern, bis die Pflanzen den gesamten Boden mit ihren Wurzeln durchzogen haben und das durchnässen stoppen. Die Regenmenge muss an die Saugfähigkeit des Bodens (und der Pflanzen) angepasst werden, diese steigt im Laufe der Zeit aber enorm.

In einem Terrarium haben wir seit 3 Jahren den Bodengrund nicht mehr gewechselt, und immer noch scheint der Bodengrund frisch und unverbraucht. Auch hat es mich verblüfft, dass so viele unserer heimischen Bodengrundbewohner ein relativ tropisches Klima überstehen und sich erfolgreich etablieren. Ursprünglich hatte ich erwartet, bald keine heimischen Mikroorganismen mehr vorzufinden. Und in der Tat dauert es einige Zeit bis dieser Kreislauf in Schwung kommt. Dann aber will man nicht mehr darauf verzichten.


Bei der Entscheidung zwischen steriler Haltung und Bodengrund darf auch nicht vergessen werden, daß bei vielen Chamäleonarten sich auch die Männchen gern in den Boden eingraben (z.B. Ch (T) cristatus, vgl NECAS 2001, HILDENHAGEN 2003)


Nachteile:

Zu guter Letzt möchte ich aber auch auf einen Nachteil dieser Art des Bodengrundes hinweisen: Hat das Chamäleon hartnäckige Parasiten, die über den Kot ausgeschieden werden, muss das gesamte Terrarium ausgeräumt, und der Inhalt weggeworfen werden, was sich hier natürlich als sehr aufwändig erweist. Dennoch überwiegen die Vorteile meiner Ansicht nach, denn so eine Infektion ist bei Nachzuchten doch recht selten und was ist schon der einmalige Aufwand beim Tauschen gegen das tägliche reinigen und Desinfizieren bei Küchenkrepp oder Kunstrasen...


Ich hoffe dieser kleine Erfahrungsbericht kann den ein oder anderen von Euch ermutigen, diese Art des Bodengrundes selbst auszuprobieren

--MrCus 10:08, 2. Feb 2007 (CET)


Links:

Hier ein interessanter Bericht zum Thema "Der Boden lebt" http://www.planet-wissen.de/pw/Artikel,,,,,,,2FE075352D360115E0440003BA5E0921,,,,,,,,,,,,,,,.html